Pressemitteilung
Kranke Kinder im Abseits?
Bakuk, BeKD, GKinD: "Politik vermag mehr, als sie glaubt
"
05.03.2004
Verbände der Kinder- und Jugendmedizin befürchten Verschärfung der Schieflage bei der Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher.
Über die drohende Verschärfung der bereits bestehenden Schieflage bei der Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher informierte die Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus (Bakuk) zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen Deutschland (GKinD) und Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD) in der Bundeshauptstadt bei einem Parlamentarischen Abend unter der Überschrift 'Kranke Kinder im Abseits?'.
"Und wenn es manchem noch so abgedroschen erscheint, wir
werden nicht müde, immer wieder zu sagen und zu erklären,
was das bedeutet: 'Kinder sind keine kleinen Erwachsenen'
",
erklärte Bakuk-Vorsitzender Professor Werner Andler. Kranke
Kinder und Jugendliche gehörten ins Kinderkrankenhaus. "Bei
aller Dankbarkeit für gewisse Entwicklungen und Teilerfolge:
Hier kommt es auf den politischen Willen an, elementare
Rechte kranker Kinder nicht nur wohlwollend zu bekunden,
sondern unsere Forderung nach der Behandlung kranker Kinder
im Krankenhaus auch in die Gesetzgebung aufzunehmen. Politik
vermag mehr, als sie denkt
", so der Bakuk-Vorsitzende.
Christine Grotensohn (AKiK) machte deutlich, dass genau dies
bisher nicht geschehen ist: "Obwohl die Bundesrepublik
Deutschland mit der Ratifizierung der
UN-Kinderrechtskonvention Anfang der 90er Jahre zugesagt
hat, die darin verbrieften Rechte in nationales Recht
umzusetzen.
" Stattdessen würden mehr als 45 Prozent
(aktuelle Zahlen aus 2000) aller kranken Kinder und
Jugendlichen in Erwachsenenabteilungen versorgt, geplante
Rückschritte zurückgenommen und dann als Erfolg gebucht (wie
die auf vielfachen öffentlichen Druck dann doch beibehaltene
spezialisierte Ausbildung in der Kinderkrankenpflege) oder
die Aufnahme von Nachsorgeprogrammen für Kinder mit
bestimmten Krankheitsbildern in den Krankenhausbereich. Die
UN-Kinderrechtskonvention gelte jedoch nicht nur für Kinder
mit bestimmten Krankheitsbildern, sondern für alle Kinder im
Krankenhaus. Daher ihre Forderungen im Einzelnen: "Kein
Bettenabbau in Kinderkliniken, solange Kinder im gleichen
Haus von Erwachsenenabteilungen versorgt werden, Anerkennung
des Fehlbelegungsprinzips auch bei Kindern in
Erwachsenenabteilungen und die Schaffung von
Abrechnungsgrundlagen für die Versorgung von Kindern, die
den spezifischen Krankenhausbehandlungen von Kindern
folgen.
"
"Der Pflege- und medizinische Bedarf eines kranken Kindes
richtet sich nicht nach vollen oder leeren Haushaltskassen,
sondern ist einfach existent und muss geleistet werden.
"
Birgit Pätzmann-Sietas (BeKD-Vorstandsmitglied) führte vier
wesentliche Faktoren an, die den Pflegeaufwand bei Kindern
(gegenüber dem Erwachsenen) maßgeblich erhöhten. So seien
Kinder bis zu einem gewissen Alter nicht in der Lage, ihre
Selbstpflegedefizite (essen und trinken, sich anziehen, auf
die Toilette gehen) auszugleichen, sondern benötigen, um
sich entwickeln zu können, - entsprechende Betreuung und
Anreize. Die Eltern seien einzubeziehen und zu beraten.
Kinder mit chronischen Erkrankungen müssten
altersentsprechend geschult werden. "Und nicht zu
unterschätzen: Kinder brauchen ständige Überwachung, sie
halten nicht einfach still und lassen diagnostische bzw.
therapeutische Prozeduren wie etwa Blutabnahme oder
Herzkathederuntersuchungen über sich ergehen, ganz
abgesehen, dass diese - anders als bei Erwachsenen -
grundsätzlich von einem Ärzteteam (z.B.
Kardiologe+Nakosearzt+Kinderkrankenschwester) durchgeführt
werden müssen.
"
Mit der Einführung des neuen Krankenhausfinanzierungssystems
DRG´s werde (mit Ausnahme einiger weniger Alterssplits) zum
ersten Mal, seit es Anhaltszahlen für die Besetzung der
Krankenhäusern mit Pflegekräften und Ärzten (1951ff.) gibt
und seit der Berechnung von Pflegepersonalbedarf in der
Bundesrepublik (1993), der erhöhte Personalbedarf bei der
Versorgung kranker Kinder nicht berücksichtigt. Anhand von
Kalkulationsdaten für die stationäre Versorgung von 22.000
Kindern in sechs Kinderkliniken sei ermittelt worden, dass
die Personalkosten auf den Stationen (Normal-,
Intensivstation) um mehr als 40 Prozent teurer sind als in
der bundesdeutschen Referenzgruppe der
Rohfallkostenkalkulation. Den Löwenanteil machten hierbei
die Pflegekosten aus. Pätzmann-Sietas: "Obwohl Kinder eine
oftmals kürzere stationäre Verweildauer haben als
Erwachsene, sind diese Kosten trotzdem so viel höher!
".
Seit 1969 wisse man verbindlich, so führte der
stellvertretende Vorstandsvorsitzende der GKinD, Andreas
Wachtel, aus, dass der Personalaufwand in Kinderkliniken
und -abteilungen höher sei, und zwar um 25 Prozent, als der
in Erwachsenenkrankenhäusern. "Das ist so gesehen also
nichts Neues.
" Die stationäre Kinder- und Jugendmedizin habe
sich positiv und frühzeitig der Einführung des neuen
Krankenhausfinanzierungssystems DRGs gestellt und in der
verbändeübergreifenden GKinD-Arbeitsgruppe DRGs intensiv an
konstruktiven Vorschlägen zur Anpassung der australischen
DRGs an die besonderen Bedürfnisse der deutschen Kinder- und
Jugendmedizin gearbeitet. "Wir haben beim Institut für das
Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) fristgerecht unsere
zielgerichteten Verbesserungsvorschläge vorgelegt, die zudem
einfach umsetzbar sind.
" Die DRG-Arbeitsgruppe hatte
Altersplits bei zahlreichen DRGs für die Kinder- und
Jugendmedizin gefordert, die nur auf die Versorgung von
Kindern und Jugendlichen spezialisierte Einrichtungen, also
Kinderkliniken und Kinderabteilungen zutreffen. Nach den
dazu veröffentlichten Ergebnissen des InEK reiche, so
Wachtel, die Datenlage derzeit noch nicht aus, um die
besonderen Kostenstrukturen von Kinderabteilungen,
insbesondere aber von selbständigen Kinderkliniken
darzustellen.
"Auch wenn es sich bei dem neuen
Krankenhausfinanzierungssystem um ein sogenanntes lernendes
System handelt, reicht die Übergangszeit jetzt nicht mehr,
um noch angemessene Finanzierungsbedingungen für die
Kinderkrankenhäuser zu schaffen und es ist abzusehen, dass
ohne entsprechende Anpassung insbesondere zahlreiche der
eigenständigen bzw. organisatorisch selbstständigen
Kinderkliniken in den Ruin getrieben werden
", so Wachtel. Es
müsse daher eine geeignete zeitlich angemessene
Übergangslösung für Kinderkliniken geben. Die könne man dazu
nutzen, um weitere Daten über die Kosten in Kinderkliniken
und Kinderabteilungen zu erheben, die dann eine präzise
Beurteilung der verschiedenartigen Kostenstruktur in
eigenständigen und unselbständigen Einrichtungen zuließen.
Wachtel: "Das ist aber aufgrund des komplexen und
widersprüchlichen Rechnungswesen im deutschen
Krankenhauswesen kurzfristig nicht möglich. Wir brauchen
mehr Zeit, um die Qualität der Kalkulationsdaten zu
verbessern.
"
Statement [pdf] von Prof. Dr. Werner Andler (BaKuK)
Statement [pdf] von Christine Grotensohn (BaKuK/AkiK)
Statement [pdf] von Birgit Pätzmann-Sietas (BeKD)
Statement [pdf] von Andreas Wachtel (GKinD)
http://www.kinderkrankenpflege-netz.de/presse/parlamentarischer-abend-2004.shtml
