Pressemitteilung
Gesundheitsbedürfnisse von Schülerinnen und Schülern werden nicht berücksichtigt
11.05.2005
Von "Gesunder Schule" sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin beklagt, dass gerade chronisch kranke und entwicklungsgestörte Kinder auf der Strecke bleiben.
Auch nach den ernüchternden Ergebnissen der
Pisa-Studie wird in Deutschland viel zu wenig getan, um ein
angemessenes Umfeld für eine gesunde Schule zu schaffen. Gerade auf
Kinder und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen ist der
"Arbeitsplatz Schule" heute in keiner Weise ausgerichtet, beklagt Dr.
Ute Thyen von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und
Jugendmedizin (DGSPJ). Thyen: "Es besteht akuter Handlungsbedarf,
sonst wird dieser Teil unserer jungen Generation keine Perspektive
haben.
"
Dies sehen auch die Spitzenverbände der Krankenkassen so, die
gerade selbst "Empfehlungen zur Gesundheitsförderung an Schulen"
verabschiedet haben. Doch trotz aller Bekenntnisse - wie jüngst auf
dem Deutschen Ärztetag - werden die Gesundheitsbedürfnisse von
Schülerinnen und Schüler - auch in Ganztags- und Gesamtschulen -
immer noch "grob fahrlässig
" verletzt, kritisiert die DSGPJ. Dabei
sind die Zahlen alarmierend: mindestens zehn Prozent aller Schüler
sind chronisch krank, bis zu 15 Prozent leiden an Lern- und
Leistungsstörungen wie der Lese-Rechtschreibe-Schwäche oder dem
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) Trotzdem
spielt das Thema Gesundheit in der Schule so gut wie keine Rolle.
Insgesamt fehlen Ansprechpartner, die die gesundheitlichen Probleme
kranker Kinder und Jugendlicher kennen, deren Behandlung unterstützen
und die auch im Notfall reagieren können, beklagt Thyen. Dabei
ermöglicht heute der medizinische Fortschritt gerade chronisch
kranken Kindern ein selbständiges Leben - bei hoher Lebensqualität -
auch in der Regelschule. Thyen: "Moderne Inhalationshilfen und
Medikamente bieten etwa asthmakranken Kindern in der Schule die
Chance, gut in den Schulalltag integriert zu werden.
"
Die Praxis stellt sich jedoch häufig anders da. Deshalb fordert die DGSPJ von der Politik und den Krankenkassen:
- die Etablierung von "school-nurses" (Gesundheits-Fachkräften), die sich bereits in den USA und Skandinavien Ländern bewährt haben. Deren Aufgabenspektrum umfasst die Gesundheitsaufklärung an Schulen (etwa Informationen zu bestimmten Krankheiten, Vorsorgen (Maßnahmen gegen die zunehmende Fettleibigkeit von Schülern) und Unterstützung (etwa bei der Wiedereingliederung chronisch kranker Kinder nach einem längeren Klinikaufenthalt). Bis 2010 soll in den USA eine Gesundheits-Fachkraft für 750 Schüler sorgen.
- Die Einführung von Schul-Betriebsärzten, die die medizinische Versorgung im engeren Sinne (Gesundheits-Reihenuntersuchungen, Einleitung erforderlicher Therapien) übernehmen. Um mit solchen Angeboten auch sozial schwache Familien und Migrantenkinder zu erreichen, müsste der Kinder- und Jugendärztliche Dienst in den Kommunen beträchtlich ausgebaut werden.
- Berücksichtigung baulicher Erfordernisse: Schon minimale und wenig kostenintensive Umbauten etwa durch den Hausmeister einer Schule ermöglichen ein deutlich bessere Integration benachteiligter Kinder.
- Umwidmung von Ganztagesschulen in "
gute und gesunde Häuser des Lehrens und Lernens
," wozu allerdings erhebliche Investitionen im Bildungssektor hin zu einer "gesunden Schule" erforderlich wären.
Studien belegen, dass sich Investitionen in eine gesunde Schule in jeder Hinsicht auszahlen. In Zürich konnte die Zahl der psychosomatischen Beschwerden von Schülern allein schon durch ein "gesundes Schulklima" und eine verbesserte "Teamkultur" um 36 Prozent reduziert werden. Auch Pädagogen können mit Kindern, die sich in der Schule wohl fühlen, ihr eigentliches Kerngeschäft - das Vermitteln von Bildung - gerade bei chronisch kranken und sozial benachteiligten Schülern erheblich besser verrichten, so Thyen.
Kontakt
Privat-Dozentin Dr. Ute ThyenUniversität Lübeck
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
http://www.kinderkrankenpflege-netz.de/presse/gesunde-schule.shtml
