Krankenhausschule Anfang des 20. Jahrhunderts
27.02.2011
Die Eppendorfer Krankenhausschule war ihrer Zeit weit voraus: Schon vor mehr als 100 Jahren wurden dort kleine Patienten unterrichtet. Ein Beitrag von Prof. Dr. Ursula Weisser
Alles ist fremd und ungewohnt: die Umgebung,
die Menschen, das Essen, selbst
die Geräusche und Gerüche. Kinder,
die ins Krankenhaus kommen, werden
von einem Tag auf den anderen getrennt
von dem, was sie kennen, von Familie,
Freunden, ihrem Zuhause. Eine anstrengende,
oft beängstigende Erfahrung, die
heute freilich dadurch abgemildert wird,
dass Eltern auf der Station am Tagesablauf
ihres Kindes teilnehmen und ihm
zur Seite stehen können.
Besuch nur zweimal die Woche
Noch weitaus belastender war die Situation Anfang des 20. Jahrhunderts im Neuen Allgemeinen Krankenhaus (NAK), wie das jetzige UKE seinerzeit noch hieß. Besuche waren lediglich mittwochs und sonntags für je zwei Stunden gestattet, und auch diese engen Zeitfenster konnten die Angehörigen kranker Kinder, die überwiegend aus ärmeren Schichten stammten, allenfalls gelegentlich nutzen: Der Weg zum damals am äußersten Stadtrand gelegenen Hospital war weit, und unter der Woche konnten sie kaum der Arbeit fernbleiben.
Heimweh, Langeweile und ein wenig Spielzeug
Auch dauerte die stationäre Behandlung
erheblich länger als heute, im Jahr 1899
durchschnittlich 33,6 Tage. So wird
die kleinen Patienten neben Heimweh
oftmals auch die Langeweile geplagt
haben, auch wenn sie in eigenen Kinderpavillons
in riesigen Krankensälen mit
über 30 Leidensgenossen untergebracht
waren.
krankenhausschule_heimweh.jpg
Immerhin: Bei gutem Wetter
durften diejenigen, die nicht im Bett
liegen mussten, im Freien spielen, auch
gab es auf der Station einige Spielsachen,
wie historische Fotografien belegen. Da
für die sorgfältig arrangierten Bilder
alle verfügbaren Puppen, Plüschtiere
und Kasper zusammengetragen wurden,
dürfte jedes der so überaus ernst in die
Kamera blickenden Kinder froh gewesen
sein, wenn es hin und wieder ein solches
Spielzeug für sich ergatterte.
Erste Eppendorfer Krankenhausschule
In einer Hinsicht war das NAK seiner Zeit jedoch weit voraus: Schon Ende des 19. Jahrhunderts, lange bevor Unterricht für kranke Kinder überhaupt allgemein gefordert wurde, konnten Mädchen und Jungen die erste Eppendorfer Krankenhausschule besuchen.
Pädagogin Ferdinande von Blumberg
Knapp vier Jahre, von 1898 bis 1902, kümmerte sich die engagierte Pädagogin Ferdinande von Blumberg (1847- ca. 1936) um schulpflichtige Patienten. Auf der Basis ihrer Erfahrungen entwickelte sie selbstständig Arbeitsmodelle für den Unterricht, die Einschränkungen durch Krankheit und Therapien berücksichtigte.
Revolutionäres Unterrichtskonzept
Bis zu 30 Kinder aller Altersstufen
erhielten täglich außer sonntags eine
halbe bis eine Stunde Unterricht, je nach
ihrem Gesundheitszustand im Bett, in
Kleingruppen in Nebenräumen oder in
größeren Sammelklassen, in denen sich
Patienten verschiedener Stationen trafen.
Lehrstoff und didaktische Methoden stellte Ferdinande von Blumberg ganz auf die individuelle Leistungsfähigkeit ihrer kranken Schüler ab, ein seinerzeit geradezu revolutionärer Ansatz. Ganz wie heutige Klinikpädagogen versuchte sie zu verhindern, dass die Kinder gegenüber ihrer Heimatklasse in Rückstand gerieten.
Eine Besonderheit war der Anfängerunterricht für langzeiterkrankte oder behinderte Kinder, die gar nicht erst eingeschult worden waren. Diese oft bereits Zehn- oder Elfjährigen waren nur schwer an konzentriertes Lernen zu gewöhnen, zumal ihre lärmenden Mitpatienten sie ständig ablenkten. Doch wenigstens wurden sie durch die Schulstunden eine Zeit lang ihrem eintönigen Krankenhausalltag entrissen.
Monate oder sogar Jahre im Krankenhaus
All diese Informationen verdanken wir 24 Arbeitsberichten der Lehrerin, die 1988 auf dem UKE-Gelände, im Keller der "Villa Garbrecht", entdeckt wurden. Sie geben auch Einblick in die schweren persönlichen Schicksale mancher ihrer Schützlinge. So gab es Mädchen und Jungen, die Monate oder sogar Jahre im Krankenhaus zubringen und teilweise wiederholt schmerzhafte Operationen über sich ergehen lassen mussten. Zu lesen ist dort auch von behinderten Patienten, deren Familien sich nicht mehr um sie kümmerten. Sie kannten kein anderes Zuhause als den Krankensaal, und die drei überlasteten Schwestern waren ihre einzigen Bezugspersonen. Für diese verlassenen Kinder bedeuteten die Schulstunden zugleich seltene Augenblicke persönlicher Zuwendung.
Quelle
Grundlage diese Artikels ist das Buch "Schulunterricht im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf vor 100 Jahren".
Herzlichen Dank an die Redaktion der UKE news und an Prof. Dr. Ursula Weisser (ehem. Direktorin des Hamburger Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, UKE) für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
Nachtrag (07.04.2011) - Krankenhausschule heute
Am 07.04.2011 hat Spiegel Online einen Bericht über eine Kliniklehrerin veröffentlicht.
http://www.kinderkrankenpflege-netz.de/fachtexte/krankenhausschule_uke.shtml
