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Pressemitteilung

Hebammenstandpunkt "Wunschkaiserschnitt"

Juni 2003

Der Bund Deutscher Hebammen spricht sich gegen "Wunschkaiserschnitte" aus. Als Ursachen für die Zunahme dieses Vorgehens werden juristische, ökonomische und fachliche Gründe genannt.

Die Art und Weise, wie in einer Gesellschaft Kinder geboren werden spiegeln den Zeitgeist und die geltenden Wertvorstellungen wider.

Die Geschichte der Geburtshilfe zeigt uns, dass Hebammen immer wieder mit Neuerungen konfrontiert worden sind. Manche dieser neuen Ideen wurden als sinnvolle Ergänzungen in die Geburtshilfe integriert, andere, wie der routinemäßige Dammschnitt oder die Geburt in Rückenlage, haben sich als Fehlentwicklungen erwiesen.

In jüngster Zeit hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte die Geburtshilfe zu einer technologisch orientierten Geburtsmedizin verändert. Das Verständnis von einer "normalen Geburt" als mechanischer Vorgang begünstigte den stetigen Anstieg der operativen Geburtsbeendigungen. Heute kommt in Deutschland jedes 5. Kind per Kaiserschnitt zur Welt.

Bereits Anfang der 90er Jahre hat die WHO auf die Widersprüche in der westlichen Welt zwischen üblicher geburtshilflicher Routine und tatsächlicher medizinischer Notwendigkeit hingewiesen und kritisiert, dass 90% der angewandten geburtshilflichen Interventionen keine wissenschaftlich abgesicherte Basis haben.

Der "Kaiserschnitt auf Wunsch" ist der neueste Trend in dieser Reihe von Fehlentwicklungen. Deutlich ist die Bereitschaft vieler GynäkologInnen, aber auch der Pharmaindustrie und der Medizintechnik zu erkennen, diesen Wunsch zu fördern und zu unterstützen. Die Gründe, warum gerade dieser "Wunsch" der Frauen so bereitwillig unterstützt wird, sind vielfältig:

Das Risiko tragen bei einem Kaiserschnitt die Frauen und Kinder und dieses Risiko ist beträchtlich.

Bei einer "primären Sectio" (Kaiserschnitt vor Einsetzen der Wehentätigkeit) sind die Gefährdungen für das Neugeborene größer als bei einer Spontangeburt. Atem- und Anpassungsschwierigkeiten sind häufiger zu beobachten. Auch die Bindungsaufnahme zwischen Mutter und Kind und das erste Stillen sind nach einer operativen Geburt erschwert. Geplante Kaiserschnitte werden in der Regel zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin durchgeführt, daher sind die Kinder noch nicht "ausgereift".

Die mütterliche Sterblichkeit in Folge eines Kaiserschnitts ist um das 4-12fache höher als nach einer Spontangeburt, auch finden sich postoperativ gehäuft Thrombosen und Embolien sowie eine verzögerte Wundheilung. Jede Schwangerschaft nach einem vorausgegangenen Kaiserschnitt gilt als Risikoschwangerschaft; vermehrt treten Probleme bei der Einnistung der Plazenta und Risse der Gebärmutter auf.

Der Begriff "Wunschkaiserschnit" suggeriert, dass der Wunsch nach einer operativen Geburt Ausdruck der Selbstbestimmung schwangerer Frauen sei. Bei genauem Hinsehen können wir erkennen, dass dieser Wunsch häufig der Angst vor den Unwägbarkeiten einer Geburt entspringt. Wir beobachten, dass die Befürworter des "Kaiserschnitts auf Wunsch" diese Unsicherheit der Frauen verstärken, indem sie von "unkalkulierbaren Risiken" einer normalen Geburt sprechen.

Schwangerschaft und Geburt sind eine Zeit großer Veränderungen im Leben einer Frau. Zeiten des Wandels und des Umbruchs sind häufig auch von Unsicherheit und Ängsten begleitet. Da die Mehrheit der gesunden Frauen bereits während ihrer Schwangerschaft von GynäkologInnen betreut wird, erfahren sie von Anbeginn einen massiven Einsatz von Technik. In Zusammenhang mit der pränatalen Diagnostik wird den Frauen eine erhöhte Sicherheit und Machbarkeit versprochen. Dieses Versprechen macht die Frauen ansprechbar für das Angebot einer scheinbar schmerzfreien und kontrollierbaren Geburt. Der Wunsch der Frauen nach Ausschalten von Schmerz und Unplanbarem korrespondiert dabei auch mit dem Zeitgeist, der "schnelle Lösungen" favorisiert.

Eine Studie der WHO belegt, dass eine kontinuierliche Begleitung durch Hebammen, mit wesentlich niedrigeren Kaiserschnittraten einhergeht, aber auch mit insgesamt geringeren Interventionsraten bei normalen Geburten. Darüber hinaus darf die gesellschaftlich relevante Arbeit, die Hebammen in Zusammenhang mit Frauen- und Familiengesundheit leisten, nicht übersehen werden: Eine einfühlsame und kompetente Begleitung fördert das Zusammenwachsen als Familie und stärkt das zukünftige gesundheitliche Wohlergehen von Mutter und Kind.

Wir Hebammen wollen Frauen bei der Auseinandersetzung um die für sie stimmige Form der Geburt bestärken:

Angesichts der stetigen Zunahme von Kaiserschnitten ohne strenge medizinische Indikation fordern wir:

Bund Deutscher Hebammen e.V.
Postfach 1724
Gartenstraße 26
76133 Karlsruhe
Tel.: 0721 - 981 89 0
Fax: 0721 - 981 89 20
E-Mail: info@bdh.de
http://www.bdh.de/

V.i.S.d.P.
Bund Deutscher Hebammen e.V.

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