Die Bedeutung der Sectio-Entbindung für die freiberufliche Kinderkrankenpflege
16.06.2005
Bereits 2004 fand unter dem Titel "Aspekte der freiberuflichen Kinderkrankenpflege" eine Veranstaltung der Interessengemeinschaft freiberuflich und/oder präventiv tätiger Kinderkrankenschwestern statt. Gabriele Kemmler setzte sich in ihrem Vortrag mit der Sectio-Entbindung auseinander, insbesondere dem sogenannten Wunschkaiserschnitt. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin können Sie hier die Zusammenfassung (von Frau Hoehl) nachlesen.
Tendenz steigend
Die Kaiserschnittentbindung hat in Deutschland eine steigende Tendenz, diverse Prominente machen den "Wunschkaiserschnitt" salonfähig. Derzeit werden rund 22% aller Kinder in Deutschland per Sectio geboren, obwohl eine Sectiorate von 12% aus medizinischer Sicht vermutlich ausreichend wäre.
Mit der Einführung der routinemäßigen CTGs stieg die Sectio-Rate sprunghaft an, umso mehr da heutzutage bis zu 80% aller Schwangeren als "Risikoschwangere" eingestuft sind. Der Kaiserschnitt ermöglicht eine "planbare" Entbindung, mit scheinbar verringertem Risiko ("das Geschäft mit der Angst"). Tatsächlich ist die Mortalitätsrate der Kinder jedoch nicht spürbar gesunken.
Indikationen
Medizinisch indiziert ist die Sectio-Entbindung bei Placenta prävia, Querlage des Kindes, absolutem Missverhältnis (dies wird oft überbewertet), aktiver Herpes der Mutter, HIV-Infektion, Hellp-Syndrom, Nabelschnurvorfall, Hoher Geradstand (das Kind kommt einfach nicht ins Becken), und fehlender Muttermundseröffnung (hier hilft häufig eine PDA), massive psychische Probleme der Mutter etwa nach Missbrauchserleben, können nach sorgfältiger Prüfung ebenfalls eine Indikation darstellen. Bei Fehlbildungen des Kindes, etwa einer Meningomyelocele, ist ebenfalls die Sectio indiziert. Häufig liegen einer Sectio-Entbindung jedoch auch wirtschaftliche oder organisatorische Ursachen zugrunde.
Probleme durch einen Kaiserschnitt
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Kaiserschnitt eine Operation ist, mit einer im Vergleich zur Spontanentbindung deutlich erhöhten Mortalitätsrate: Die Sterblichkeit nach Sectio kommt durch Herz-Kreislauf-Versagen, Ileus, Embolie oder Koagulopathie zustande, weniger drastische Nebenwirkungen sind: Endometritis, Anämien, Wundheilungsstörungen (immerhin 8% aller Sectios), peri- oder postoperative Blutungen, Thrombosen, Organverletzungen (z.B. der Harnblase), gehäuften Postpartaldepressionen sowie anderen oft nicht fassbaren psychosomatischen Beschwerden. Beim Kind kommt es häufiger zu Anpassungsproblemen: während nach Spontanentbindungen 1,9% aller Kinder unter Anpassungsstörungen leiden, sind dies nach Kaiserschnitt 3,2%. Ferner werden Bonding-Störungen, u.a. durch nicht optimal angepasste Hormonumstellung, neurologische Ausreifungsstörungen, und ein verminderter Atonischer Nackenreflex des Neugeborenen beobachtet, eine Korrelation zu späteren Wahrnehmungsstörungen ist möglich. Allerdings können natürlich auch bereits vorhandene Probleme des Kindes zur Kaiserschnittentbindung ursächlich beitragen.
Betreuung der Familie
Daher ist es wünschenswert unnötige Kaiserschnitte durch eine optimale Zusammenarbeit des geburtshilflichen Teams, auch mit der betreuenden Hebamme oder des betreuenden Gynäkologen in der Schwangerschaft zu vermeiden, notwendige Kaiserschnitte so schonend wie möglich zu gestalten, sowohl medizinisch als auch vom menschlichen Umgang hiermit so laufen zu lassen, dass die Eltern sie später gut annehmen und verarbeiten können und die "Wunden an Bauch und Seele" gut heilen können. Empfehlenswert ist hierbei die weniger traumatische Misgav-Ladach-Kaiserschnittmethode, die anhand eines Lehrvideos vorgestellt wurde, idealerweise in Peridualanästhesie, sodass die Mutter Ihr Kind gleich zu Gesicht bekommt, sobald es den Bauch verlässt. Eine Zeit des Kennenlernens mit Körperkontakt mit dem unbekleideten Kind ist hilfreich für die Mutter das Kind anzunehmen. Schuld- oder Versagensgefühle sollten - wenn vorhanden - zugelassen und ggf. in einer Kaiserschnittgruppe aufgearbeitet werden.
Wenig heilsam ist ein Satz wie "Stell Dich nicht so an, Dein Kind ist doch gesund". Diese Erfahrungen bestätigte die Kinderkrankenschwester Birgit Weyergraf in einem Vortrag. Sie hat mit Ihren eigenen drei Kaiserschnittentbindungen sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sie zeigte auf, dass die Kliniksatmosphäre sehr großen Einfluss darauf hat, wie die Kaiserschnittentbindung erlebt wird. Aus Ihrer eigenen Erfahrung lässt sie in Ihren Babymassagekursen den Mütter Zeit und Gelegenheit über Ihre Geburten zu erzählen. Sie berichtete auch von einer Mutter, die mit der Entscheidung zur Kaiserschnittentbindung eher erleichtert war und zieht daher den Schluss, dass die Kaiserschnittentbindung traumatisch sein kann, aber nicht muss und dass eine bewusste Entscheidung einer Mutter für einen Kaiserschnitt (ggf. "Wunschkaiserschnitt") auch respektiert werden muss.
Kontakt
Gabriele Kemmler arbeitet als Diplompädagogin und Gfg-Geburtsvorbereiterin® und kam über das eigene Erleben zum Thema Kaiserschnittentbindung. Seit Jahren bietet sie u.a. Fortbildungen und Kaiserschnitt-Gruppen für betroffene Frauen an. Ihre dabei gewonnen Erfahrungen hat sie in ihrem Buch "Kaiserschnitt - wie Narben an Seele und Bauch heilen können" publiziert.
Gabriele KemmlerFrauengesundheitszentrum für Frauen und Familie
Händelstr. 2
60318 Frankfurt
k.ele@gmx.de
Wenn Sie Kontakt zur Interessengemeinschaft freiberuflich und/oder präventiv tätiger Kinderkrankenschwestern aufnehmen möchten, wenden Sie sich bitte an:
Mechthild HoehlIn den Werkstückern 22
54331 Pellingen
Tel.: 06588/982650
Fax: 06588/982649
MChHoehl@aol.com
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